Wie das Labyrinth in unseren Schulhof kam

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Während der Projekttage 1997 wurde das Labyrinth von einer Schülergruppe unter Leitung des damaligen kath. Religionslehrers Helmut Link und mit Unterstützung seiner ev. Kollegin Ingeborg Meinig von den Projektteilnehmern mit Straßenmarkierungsfarbe auf den Asphalt des Schulhofes gemalt. In dieser Form bestand es (nach einer zwischenzeitlichen farblichen Aufbesserung) bis zur Neugestaltung des Schulhofs im Jahr 2008.

Das Labyrinth der Kathedrale von Chartres im Schulhof des Rabanus-Maurus-Gymnasiums

Das Labyrinth in unserem Schulhof entspricht in seiner Form und mit 12 m Durchmesser auch in der Größe dem Original. Der Weg misst vom „Eingang“ über 11 Umgänge und 28 Umkehrungen bis zum Zentrum 270 m. Die Zielmitte ziert eine sechsblättrige Rosette. Die Überlagerung des Labyrinths durch das Kreuz teilt den Kreis in Quadranten. Drei Halbachsen des Kreuzes sind durchlässig, eine ist für vier getrennte Wegstecken vorgesehen. Im Gegensatz zum Irrgarten verläuft der Weg kreuzungsfrei und – trotz aller „Umwege“ – eindeutig zielgerichtet.

Die Zeit der Kirchenlabyrinthe reicht vom 12. bis zum 16. Jh. Ihr Verbreitungsraum beschränkt sich auf Frankreich, Südengland und Italien.

Das Labyrinth nimmt griechische Mythologie (Theseus, Ariadne) auf und überlagert sie (Kreuz) mit christlicher Theologie (Leid, Er- lösung, Heil).

Zur Zahlensymbolik

12:(3 x 4) steht für das Vollkommene, den Kosmos, das ganze Sein;

3: für Geist, Gott; 4: steht für die Materie, die Himmelsrichtungen, die Elemente;
11:(Dekalog plus 1) steht für Maßlosigkeit, Sünde, die vergängliche Welt, das Unvollkommene (12 minus 1);
7: (3 + 4): ist die Zahl des Menschen (Wesen, in dem Geist und Materie sich vereinen), sein Lebensrhythmus ist die Woche (7 Tage);
28:(4 x 7) ist das kosmische Zeitmaß.

Zur Wegesymbolik

Von außen nach innen; von der Oberfläche in die Tiefe; von der Frage zum Sinn; vom Suchen zum Selbst; von der Geburt bis zum Tod; von der Welt zu Gott.

„Es gibt wohl kein anderes Symbol, das in dieser Intensität und Tiefe den Weg des Menschen durch die Welt, zu sich selbst und zugleich zu Gott zum Ausdruck brächte.“
Hubertus Halbfas

Ein Symbol ist Ausdruck eines Geheimnisses, nicht eines Problems. Den Unter- schied macht eine Erklärung unseres Ehemaligen Romano Guardini (Abitur 1903) deutlich:

„Dieses (das Problem) soll gelöst werden; geschieht das, dann ist es verschwunden. Jenes (das Geheimnis) hingegen soll erfahren, verehrt, ins eigene Leben aufgenommen werden. Ein Geheimnis, das durch Erklärung aufgelöst wird, war nie eins. Das echte Geheimnis widersteht der >Erklärung<; und nicht, weil es sich mit irgendwelchen Kniffen doppelter Wahrheit der Prüfung entzöge, sondern weil es seinem Wesen nach nicht rational aufgelöst werden kann. Aber es gehört zur gleichen Wirklichkeit, zu der auch das Erklärbare gehört, und es steht zur Erklärung in einem absolut redlichen Verhältnis. Es ruft diese, und ihre Aufgabe besteht gerade darin zu zeigen, wo echtes Unerklärbares ist.“


Das Labyrinth ist eine Sonderform des Mandala (Sanskrit: Kreis), das ist ein auf die Mitte hin ausgerichtetes Kreisgebilde. Es findet sich in vielfältiger Weise in den meisten Religionen und Kulturen. Der Buddhismus kennt das Mandala nicht nur als flächige Zeichnung, sondern auch als dreidimensionales Bauwerk (Stupa).

Im Labyrinth verliert man sich nicht.
Im Labyrinth findet man sich.
Im Labyrinth begegnet man nicht dem Minotauros.
Im Labyrinth begegnet man sich selbst.

Hermann Kern

Das Labyrinth lädt ein: Beim Abschreiten erfährt man die schnelle Annäherung an die Mitte, die plötzliche Kehre, die den ganzen Weg wieder zurückführt. So findet man sich erneut an der Peripherie (fast am Anfangspunkt) wieder. Nur wer be- harrlich seinen Weg verfolgt, erreicht schließlich (nach Abschreiten des ganzen Kreisgebildes) die Mitte (sich selbst, Gott). Das Labyrinth steht für den Weg des Menschen durch sein Leben.

Helmut Link, Studienleiter i. K. Projekttage 1997

Grundriss der Kathedrale von Chartres mit eingezeichnetem Labyrint